Dank und Abschied – Geschichte “Vielleicht Timbuktu”

Mit Dank an alle interessierten Leserinnen und Leser verabschiede ich mich aus Flensburg. Ein Umzug aus privaten Gründen führt dazu, dass das Blog “Flensburg-mobil.net” nicht weitergeführt werden kann.
Ich bedanke mich für alle freundlichen Rückmeldungen und die vielen konstruktiven Kontakte!

An den Schluss stelle ich eine Geschichte, die eine – inzwischen verstorbene – Verwandte geschrieben hat. Die kleine Geschichte zeigt, was uns gemeinsam bewegt.

Mit herzlichen Grüßen
im Januar 2022
Julia Born

==

Vielleicht Timbuktu

Hanna Born

Der Junge sagte: “Ich gehe nach Timbuktu.”
Die Mutter saß am Fenster in ihrem Lehnstuhl und strickte. Manchmal sah sie hinaus, manchmal sah sie auf das Strickzeug, jetzt schaute sie ihren Sohn an.

“Ich gehe zu Fuß nach Timbuktu”, sagte der noch einmal.
“So”, sagte sie, “und was brauchst du dafür?”
“Ich ziehe gute Sachen an, Stiefel und eine Mütze und nehme einen Rucksack voll Essen mit.”
“Mmh”, sagte sie, “ist das alles?”
“Ja, etwas Geld brauch ich auch noch für den Hinweg. Aber das habe ich in meiner Sparbüchse.”
Sie schaute wieder auf ihr Strickzeug und strickte weiter.

“Ich gehe wirklich zu Fuß nach Timbuktu, bald, heute oder morgen.”
Diesmal schaute sie ihn nicht an, sondern sagte zu ihrem Strickzeug gewandt: “Und, wie wird es dort sein?”
“Es gibt dort keine Schule”, sagte er, “und weil es keine Schule gibt, gibt es auch keine Lehrer.”
“Aha”, sagte sie, “man lernt also nichts in Timbuktu.”
“Doch”, sagte er, “man fragt. Man fragt den, der etwas weiß und was einen interessiert. So lernt man. In Timbuktu sucht man sich selber aus, was man lernen will.”

“Aha”, sagte sie noch einmal, “was du alles weißt.”
“Ja, ich weiß noch mehr. In Timbuktu gibt es keine Soldaten und darum gibt es auch keinen Krieg, ganz einfach, nicht?
Und keiner hat vor irgendwas Angst, weil alle Freunde sind. Und Essen ist genug da für alle und es ist gratis.
Und die Kinder sind sehr glücklich dort, weil sie wichtig sind. Es muss ihnen gut gehen, das ist ein Gesetz dort.
Ich gehe nach Timbuktu, du wirst schon sehen.”

Sie stand auf, schaute ein Weilchen aus dem Fenster, legte ihr Strickzeug sorgfältig aufgerollt auf den Sessel und schaute ihren Sohn an. Er konnte diesen Blick nicht lesen, diesen Blick gemischt aus Trauer, Hilflosigkeit, Verständnis und einem Funken Hoffnung.
Aber er verstand sie, als sie, ohne zu lächeln, aber mit Wärme sagte: “Ich würde mitgehen.”
Und ein zweites Mal: “Ich würde mitgehen.”