Einkaufsstraßen: Einzelhandel überschätzt Bedeutung des Autos deutlich

Manche Geschäftsleute schätzen ihre Kundinnen und Kunden ziemlich falsch ein. Das zeigt eine kürzlich veröffentlichte Untersuchung in Berlin. Schlecht, wenn auf diese Weise Vorurteile die Stadtentwicklung ausbremsen und mögliche Umsatzvorteile verloren gehen.

Untersuchung in Berlin in zwei Einkaufsstraßen

Der Hintergrund: 2000 Kund:innen und knapp 150 Einzelhändler:innen wurden in zwei Einkaufstraßen in Berliner Stadtteilen (Kottbusser Damm und Hermannstraße) befragt. Das Ergebnis: Die große Mehrheit – 93 Prozent – war mit dem Umweltverbund unterwegs: Mehr als die Hälfte der Einkaufenden zu Fuß, ein Viertel mit öffentlichen Verkehrsmitteln, jede sechste Person mit dem Rad. Einen Pkw hatten nur 6,6 Prozent genutzt.

Geschäftsleute schätzen Verkehrsmittelwahl falsch ein

Die Geschäftsleute gaben an, mit welchem Verkehrsmittel sie gekommen waren. Knapp die Hälfte der Befragten war mit dem Auto unterwegs. Diese Gruppe war überzeugt: Fast ein Drittel ihrer Kund:innen käme mit dem Auto und nur jede zehnte Person mit dem Rad. Das trifft jedoch nicht zu.

So kamen die Menschen zum Einkaufen: Die meisten zu Fuß, mit dem ÖV oder mit dem Rad. Nur gut jede 20. Person nutzte das Auto. Ergebnisse einer Untersuchung in Berlin. – Geschäftsleute, die selbst mit dem Auto unterwegs sind, unterstellen das häufig auch bei den Kund:innen und schätzen den Anteil der Autofahrenden viel zu hoch ein.

Weitere Irrtümer

“Autofahrende Kund:innen bringen das meiste Geld.”

Tatsächlich sorgen Fuß-, Radverkehr und ÖV für den größten Teil des Umsatzes.

Für die Untersuchung wurden Leute auf der Straße angehalten. Man fragte sie, wieviel Geld sie bisher bereits ausgegeben hatten. Autofahrende hatten im Schnitt für 24 Euro eingekauft, Radfahrende und zu Fuß Gehende für 12 Euro. Sie kamen jedoch häufiger zum Einkaufen als Autofahrende.

Wenn man nun den durchschnittlichen Einkauf mit der Häufigkeit der Besuche verbindet, ergeben sich folgende Ergebnisse: Nicht einmal jeder zehnte Euro wird an Autofahrenden verdient. Für fast zwei Drittel der Einnahmen sorgen Fußgänger:innen, ein Sechstel Nutzer:innen des ÖV, ein Siebtel ist der Beitrag von Radfahrende.

Am meisten Umsatz bringen die Kund:innen, die zu Fuß, mit dem ÖV oder mit dem Rad kommen.

“Die meisten meiner Kund:innen wohnen doch außerhalb und brauchen das Auto!”

Manche vielleicht. Die meisten Wege sind jedoch kürzer als gedacht. Geschäftsleute überschätzen die Entfernung, die die Kund:innen zurücklegen.

Die Untersuchung zeigt: Mehr als die Hälfte der Befragten hatten weniger als einen Kilometer zurückgelegt, um herzukommen. Aus Sicht der Geschäftsleute kamen jedoch fast 90 Prozent von weiter weg.

Ähnliche Ergebnisse in vergleichbaren Untersuchungen

Natürlich ist Berlin eine Großstadt. Doch die Untersuchung bestätigt ähnliche Forschungen in verschiedenen Ländern und in großen und kleinen Städten, zum Beispiel zusammengefasst in Infosheet 5 “Das Fahrrad als Wirtschaftsfaktor” (RAD.SH – mehr).

Immer wieder erhält man als Ergebnis:

  • Die Geschäftsleute schätzen regelmäßig den Anteil der autofahrenden Kund:innen viel zu hoch ein.
  • Kund:innen, die zu Fuß, mit dem Bus oder dem Rad kommen, kaufen zwar für niedrigere Beträge. Aber sie kommen häufiger als Kund:innen, die den Pkw nutzen. Ihr Anteil am Umsatz ist damit deutlich größer.

Die Ergebnisse legen nahe: Ein gute Infrastruktur für Fuß-, Rad- und öffentlichen Verkehr dürfte der lokalen Wirtschaft zugute kommen. “Organisierte Wirtschaftsverbände sollten sich daher evidenzbasiert mit Vor- und Nachteilen für Wirtschaftsakteure auseinandersetzen, um die Interessen der lokalen Wirtschaft bestmöglich vertreten zu können”, so die Pressemitteilung zur Untersuchung (s.u.).

  • IASS Potsdam: “Mobilität beim Einkaufen: Händler überschätzen Rolle des Autos”
    Pressemitteilung und Zusammenfassung – mehr
  • Veröffentlichung in englischer Originalsprache:
    Local Business Perception vs. Mobility Behavior of Shoppers: A Survey from Berlin. Dirk von Schneidemesser, Jody Betzien. 2021. – mehr

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